{"id":106,"date":"2016-09-27T09:57:07","date_gmt":"2016-09-27T07:57:07","guid":{"rendered":"https:\/\/karinahermes.de\/?p=106"},"modified":"2016-10-05T18:20:29","modified_gmt":"2016-10-05T16:20:29","slug":"das-grosse-beben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.karinahermes.de\/index.php\/2016\/09\/27\/das-grosse-beben\/","title":{"rendered":"Das gro\u00dfe Beben"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr meinen Geschmack hatte ich an den Tagen zuvor schon genug Erdbebenerfahrung gesammelt. Am liebsten h\u00e4tte ich einfach mein Praktikum weitergemacht und meinen Japanaufenthalt mit ein paar sch\u00f6nen Tagen bei meinem damaligen Freund in Yokohama abgeschlossen. Aber es sollte nicht sein.<\/p>\n<p>Am 11. M\u00e4rz hatte ich vormittags von 7 bis 13 Uhr Schicht und danach Mittagspause. Es war gegen 14:30 Uhr als dieses ungeheure Beben losbracht.Zu diesem Zeitpunkt war ich allein in meinem Zimmer und wurde j\u00e4h aus meinem Mittagsschlaf gerissen. Erst blieb ich still liegen, doch nach einigen Augenblicken merkte ich, dass dieses Beben st\u00e4rker war und keine Anstalten machte, bald wieder abzuklingen. Ohne meine Brille auf der Nase kroch ich schnell von meinem Futon hin\u00fcber zum T\u00fcrrahmen. Zusammengekauert wartete ich wieder ein wenig ab, sp\u00fcrte und h\u00f6rte dann aber, dass Dinge in meinem und in den Nebenr\u00e4umen umst\u00fcrzten. Sto\u00dfgebete schossen mir durch den Kopf und ich wollte nur noch aus dem Geb\u00e4ude heraus. Mein Zimmer war im 1. Stock und die Erzitterung unter mir war unheimlich. Als wenn ich betrunken w\u00e4re, wankte ich \u00fcber den Flur, st\u00fctze mich an den W\u00e4nden ab und klammerte mich am Treppengel\u00e4nder fest. Im Innenhof war noch eine der Erzieherinnen. Sie war \u00fcberrascht mich alleine zu sehen. Zusammen wollten wir in das Hauptgeb\u00e4ude. Dort mussten sie erst die schwere Zwischent\u00fcr aus Stahl von innen wieder \u00f6ffnen. Sie war wohl geschlossen worden, um mehr Stabilit\u00e4t zu haben. Diesmal waren wirklich alle in Aufruhr angesichts der stetigen und starken Ersch\u00fctterungen.<\/p>\n<p>Wir liefen durch die Wohngruppe der Kleinkinder nach drau\u00dfen auf den Vorhof des Hauteingangs. Es war Februar und es war kalt. Wir standen zusammen w\u00e4hrend es bebte. Die Beben wollten und wollten kein Ende nehmen. Kurzerhand wurde beschlossen, dass wir alle in die Turnhalle des Kinderheims gehen sollten. Dies war einer der sichersten Orte, denn dort gab es nichts, was unvermittelt herabst\u00fcrzen konnte, alle konnten beisammen sein und die Leitung bzw. ErzieherInnen sich einen \u00dcberblick verschaffen. Einige der Mitarbeiter suchten Isomatten, Planen und Decken und da wurde mir klar, dass wir wohl erstmal dort bleiben m\u00fcssten. Das Beben hatte am Nachmittag begonnen, d.h., der Gro\u00dfteil der Kinder und Jugendlichen war noch in der Schule oder unterwegs zur\u00fcck ins Heim oder im Kindergarten. Da war nat\u00fcrlich zun\u00e4chst die gr\u00f6\u00dfte Sorge, ob denn alle wohlbehalten zur\u00fcck zu uns kommen k\u00f6nnten und ihnen unterwegs nichts zusto\u00dfen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Versorgung mit Strom und flie\u00dfendem Wasser war sofort unterbrochen. Als es dunkel wurde, gaben nur einige Taschenlampen Licht. Zum Gl\u00fcck hatten es alle Kinder und Jugendlichen trotz der Beben geschafft, wohlbehalten zum Heim zu gelangen. Vor allem die Kleinen waren zwar aufgeregt, aber niemandem war etwas ernstes zugesto\u00dfen. Ich bekam die Erlaubnis, schnell und vorsichtig gemeinsam mit einer jungen Ordensschwester die wichtigsten Sachen wie Brille, Geld und Reisepass sowie warme Kleidung aus meinem Zimmer zu holen. Inzwischen war das Beben etwas abgeschw\u00e4cht und die Abst\u00e4nde zischen dem Donnern der Erde gr\u00f6\u00dfer geworden. Deshalb konnten wir dieses Wagnis eingehen.<\/p>\n<p>Es lag Schnee und es war bitterkalt. Ich dachte daran, ob es wohl meinem Freund unten in Yokohama gut gehen w\u00fcrde, denn wenn es hier so bebte, wie w\u00e4re es dann wohl dort? Hat er auch keinen Strom und Wasser? Was war \u00fcberhaupt passiert?<\/p>\n<p>Das Haustelefon funktionierte nicht (ich h\u00e4tte in dieser Situation nat\u00fcrlich eh nicht die Leitung besetzen d\u00fcrfen). So bat ich eine japanische Praktikantin, kurz ihr Handy zu leihen. Ich rief in Yokohama an und zu meiner Verwunderung konnte ich meinem Freund selbst kaum auf Deutsch erkl\u00e4ren, was gerade los war (mein Freund konnte Deutsch). Ich war \u00fcberrascht, wie durcheinander ich offenbar war. Jedenfalls wusste ich dann, dass es wohl nur hier oben relativ schlimm war und es zwar auch dort gebet hatte und es weiter Nachbeben gab, aber nicht so sehr. Ich sagte, es ginge mir gut und brach dann das Telefonat ab, weil ich das Handy nicht l\u00e4nger in Anspruch nehmen wollte. Ich weinte wohl ein wenig aus Dankbarkeit, als ich das Handy zur\u00fcckgab, was die junge Frau mit Verwunderung sah.<\/p>\n<p>Die folgende Nacht war sehr sehr anstrengend. Das dumpfe Donnern der Erde und das Ger\u00e4usch der erzitternden W\u00e4nde war allgegenw\u00e4rtig. Ich erinnere mich noch gut an die dunkle Halle, die vielen zusammengekauerten Kinder, ErzieherInnen, Mitarbeiter, Schwestern. Daran, dass es kalt war, und daran dass eine Erzieherin namens Yuki mir immer wieder gut zuredete &#8222;daijoubu, daijoubu&#8220;, &#8222;Es ist schon okay. Alles wird gut.&#8220;. Sie merkte vielleicht besser als ich selber, dass ich ziemlich schockiert war. Vielleicht konnte sie es mir ansehen. Die Leiterin des Heims, eine deutsche Schwester, kam zu mir und fragte, ob mir kalt sei. Ich verneinte, aber sie fasste mein kaltes Bein an und sagte mit Blick auf die d\u00fcnne Decke \u00fcber mir auf Japanisch: &#8222;Das reicht doch \u00fcberhaupt nicht.&#8220; Irgendwo fand sie noch eine Plane, die sie \u00fcber mir ausbreitete. Ich regte mich nicht und war so ruhig, wie ich eben sein konnte, w\u00e4hrend es noch immer leicht weiter und weiter bebte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr meinen Geschmack hatte ich an den Tagen zuvor schon genug Erdbebenerfahrung gesammelt. Am liebsten h\u00e4tte ich einfach mein Praktikum weitergemacht und meinen Japanaufenthalt mit ein paar sch\u00f6nen Tagen bei meinem damaligen Freund in Yokohama abgeschlossen. Aber es sollte nicht sein. Am 11. 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