{"id":127,"date":"2016-10-05T20:36:48","date_gmt":"2016-10-05T18:36:48","guid":{"rendered":"https:\/\/karinahermes.de\/?p=127"},"modified":"2016-10-05T20:46:11","modified_gmt":"2016-10-05T18:46:11","slug":"die-tage-danach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.karinahermes.de\/index.php\/2016\/10\/05\/die-tage-danach\/","title":{"rendered":"Die Tage danach"},"content":{"rendered":"<p lang=\"zxx\"><span style=\"font-size: medium;\">Am Morgen des n\u00e4chsten Tages wurden die Sch\u00e4den sichtbar. Gemeinsam mit den ErzieherInnen und Schwestern habe ich versucht, notd\u00fcrftig im Wohnbereich der Kleinkindergruppe aufzur\u00e4umen. Im Grunde h\u00e4tten wir es auch lassen k\u00f6nnen. Aber angesichts von unkontrollierbaren Naturgewalten \u00fcberkommt die Menschen wohl der Drang, etwas zu tun, etwas zu unternehmen. <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\"><span style=\"font-size: medium;\">Es waren riesige Risse in der Mauer zu sehen. Fliesen waren von den W\u00e4nden gesprungen, alles war staubig wie auf einer Baustelle. Von einem Nachbarn haben wir uns ein wenig Wasser besorgt, um mit dem Aufr\u00e4umen zu beginnen und den Boden zu wischen. Auch der Beton der Stra\u00dfe vor der Einrichtung wies Risse auf. Immer wieder erinnerten uns die Nachbeben daran, dass es noch nicht durchgestanden war.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\"><span style=\"font-size: medium;\">Nach dem wenigen, was man aktiv tun konnte, blieb nur das Abwarten und Ausharren. Da alle ErzieherInnen des Heimes bei uns waren, war es nicht relevant, ob ich nun in der Turnhalle rumsa\u00df oder nicht. So streifte ich tags\u00fcber durch die verlassenen Stra\u00dfen und habe einige wenige Bilder gemacht. Direkt Bilder vom Heim oder von der Situation der Kinder, Jugendlichen und Mitarbeiter zu machen, war mir zuwider. Irgendwie empfand ich das als unangebracht; als Katastrophentourismus. <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\"><span style=\"font-size: medium;\">Aufgrund der K\u00e4lte und der Angst waren alle recht ersch\u00f6pft. Ich war irgendwann nicht mehr recht in der Lage, vern\u00fcnftig mit St\u00e4bchen zu essen, weil meine H\u00e4nde so sehr zitterten. Ohne Wasser konnten wir uns nicht duschen, keine Toilettensp\u00fclung bet\u00e4tigen oder vern\u00fcnftig Z\u00e4hneputzen. Diese Kleinigkeiten waren einfach nicht mehr m\u00f6glich. <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Mitarbeiter schafften es mithilfe der Vorr\u00e4te, ein einigerma\u00dfen normales Essen zusammenzustellen. Die Portionen waren rationiert, aber ich hatte sowieso keinen gro\u00dfen Appetit. Au\u00dferdem sagte ich mir: Japan ist eine Industrienation und kein Land in Afrika. Bald kommt von au\u00dfen mehr Hilfe und die Lage wird schnell wieder stabil sein, auch wenn es jetzt noch leichte Beben gibt. <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\"><span style=\"font-size: medium;\">Am Sonntag wurde klar, dass weder Busse noch Z\u00fcge fuhren, da die Stra\u00dfen und Gleise zu schwer besch\u00e4digt waren. Au\u00dferdem h\u00f6rte ich davon, dass ein Atomkraftwerk uns noch zum Problem werden k\u00f6nnte und dass dort irgendwas geschehen sei. Weder wusste ich, wie akut diese Bedrohnung war, noch wo dieses Atomkraftwerk war. Zudem standen f\u00fcr mich die direkten Probleme eindeutig im Vordergrund. Zum Beispiel hatte ein kleiner Junge aus meiner Gruppe am Sonntagmorgen Fieber bekommen. <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\"><span style=\"font-size: medium;\">Zwar war es auch jetzt noch immer am beben, aber tags\u00fcber war es leichter, dieses unsichere und unheimliche Gef\u00fchl zu ignorieren. Wohl auch, weil man sich selber bewegen und ablenken konnte. Nachts aber, wenn es stockduster wurde, die W\u00e4nde zitterten, die K\u00e4lte durch die Kleidung kroch und neben dem dumpfen Donnern der Nachbeben die Sirenen von Feuerwehr und Polizei das einzige ist, was zu h\u00f6ren war, dann machte sich die Angst wieder breit. <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\"><span style=\"font-size: medium;\">Es ist ein sehr seltsames Gef\u00fchl, wenn man so v\u00f6llig aus jeglicher Routine geworfen wird und sich pl\u00f6tzlich in einem Katastrophengebiet befindet. <\/span><span style=\"font-size: medium;\">Oft dachte ich bei mir: Das ist doch nicht wahr. Es war einfach unbegreiflich f\u00fcr mich. <\/span><span style=\"font-size: medium;\">Die Zeit nach dem Beben l\u00e4uft in meiner Erinnerung oft surreal ab. So als wenn es ein Film ist, den ich mir ansehe.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\"><span style=\"font-size: medium;\">Von der Au\u00dfenwelt abgeschnitten, hatte ich keine Ahnung davon, welche Informationen in Deutschland \u00fcber das Erdbeben durch die Medien gingen. Ich hoffte einfach, dass sie sich wohl nicht zu viele Sorgen machten und alles bald wieder gut sei. <\/span><\/p>\n<p lang=\"zxx\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Morgen des n\u00e4chsten Tages wurden die Sch\u00e4den sichtbar. Gemeinsam mit den ErzieherInnen und Schwestern habe ich versucht, notd\u00fcrftig im Wohnbereich der Kleinkindergruppe aufzur\u00e4umen. Im Grunde h\u00e4tten wir es auch lassen k\u00f6nnen. Aber angesichts von unkontrollierbaren Naturgewalten \u00fcberkommt die Menschen wohl der Drang, etwas zu tun, etwas zu unternehmen. 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