{"id":136,"date":"2016-10-07T19:39:20","date_gmt":"2016-10-07T17:39:20","guid":{"rendered":"https:\/\/karinahermes.de\/?p=136"},"modified":"2016-10-07T19:41:59","modified_gmt":"2016-10-07T17:41:59","slug":"flucht-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.karinahermes.de\/index.php\/2016\/10\/07\/flucht-teil-1\/","title":{"rendered":"Flucht Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>Der Montag begann mit einer guten Nachricht, denn endlich war der Strom wieder da. Sofort suchte ich die Heimleiterin auf und bat darum, das Telefon benutzen zu d\u00fcrfen, um zu Hause in Deutschland bei meiner Familie anzurufen. Sie gab noch zu bedenken, dass es in Deutschland gerade mitten in der Nacht war, aber ich war mir hundertprozentig sicher, dass ich jemanden erreichen w\u00fcrde. Ich hatte recht; nach wenigen Augenblicken hatte ich meinen Bruder am anderen Ende der Leitung. Er rief mich zur\u00fcck, damit das Telefon im B\u00fcro frei blieb.<\/p>\n<p>Ich war noch\u00a0 dabei zu versichern, dass es mir gut geht, als mein Bruder begann darzulegen, welche Gefahr von dem Atomreaktor in Fukushima ausging. Das ganze sei kein Spa\u00df und wir sollten alle zusehen, dass wir von dort wegk\u00e4men. &#8230;. Von dieser Nachricht war ich mehr oder weniger einfach geschockt. &#8230; Sprachlos h\u00f6rte ich mir an, wie nach meinem Bruder meine Eltern in \u00e4hnlicher Weise auf mich einredeten. Au\u00dferdem sagte mein Vater, dass ich mich sofort mit der deutschen Botschaft in Tokyo in Verbindung setzen sollte, damit die mir helfen k\u00f6nnen. Ich nickte, stammelte ein &#8218;ja&#8216; oder &#8218;hai&#8216; und merkte, wie sich langsam Panik in mir breit machte. Vorerst beendeten wir das Gespr\u00e4ch, damit ich in Tokyo anrufen konnte. Aber gleich danach sollte ich mich wieder zu Hause melden.<\/p>\n<p>Ich legte auf, atmete durch, und machte mich auf die Suche nach der Heimleiterin, um ihr von der Situation zu erz\u00e4hlen. Da ich sie nicht sofort finden konnte, rief ich schnell meinen Freund in Yokohama an. Noch w\u00e4hrend wir sprachen, kam die Leiterin vorbei, ich legte auf und wir gingen zusammen in ihr B\u00fcro zur\u00fcck, um die Botschaft anzurufen. Dort war kein Durchkommen f\u00fcr uns. Alle Leitungen waren belegt.<\/p>\n<p>Wie verabredet, telefonierte ich wieder mit meiner Familie. Sie hatten regelrecht einen Fluchtplan f\u00fcr mich entworfen und ich musste mir alle M\u00fche geben, dem zu folgen. Punkt eins: Geld auftreiben; Punkt zwei: immer wieder versuchen, zur Botschaft durchzukommen; Punkt drei: Abreise vorbereiten. Sollte Punkt zwei nicht funktionieren, m\u00fcsste ich versuchen, mit Bus, Bahn oder mit Taxi von dort wegzukommen. Der n\u00e4chstgelegene Flughafen war in der Stadt Akita, die sich nordwestlich von Ichinoseki befindet. Von dort sollte ich einen Flug entweder nach Norden nach Sapporo oder nach S\u00fcden Richtung Tokyo\/Yokohama nehmen. Nachdem sie mir diese Schritte eingetrichtert hatten, sagten sie mir nochmals, dass ich auf keinen Fall im Kinderheim bleiben k\u00f6nnte. Denn ich k\u00f6nnte sowieso nicht helfen und in einer solchen Situation m\u00fcsse man auch an sich selber denken.<\/p>\n<p>Ich wusste, dass sie recht hatten und ich sp\u00fcrte ihre Sorge. Meine Familie neigt nicht zu Gef\u00fchlsausbr\u00fcchen oder gar hysterischem Verhalten. Gerade deshalb merkte ich die Ernsthaftigkeit der Lage an der Intensit\u00e4t, mit der sie auf mich einredeten und zugleich versuchten, mich nicht unn\u00f6tig zu beunruhigen.<\/p>\n<p>Mit aller M\u00fche versuchte ich mich auf den n\u00e4chsten Schritt zu konzentrieren. Geld besorgen. Zwar hatte ich eine Kreditkarte dabei, aber wer schon einmal in Japan war, wei\u00df, dass Bargeld oftmals lieber gesehen wird. Vor allem in einer solchen Lage konnte es nicht verkehrt sein, genug Bargeld zu haben. Ohne Umschweife ging ich in die Stadt, in der Hoffnung, irgendwo einen funktionierenden Geldautomaten zu finden. Weder die kleineren sogenannten Combini noch das gro\u00dfe Einkaufzentrum, wo ich h\u00e4tte Geld abheben k\u00f6nnen, hatten ge\u00f6ffnet. Die Stra\u00dfen der Stadt waren mit Autos zugestopft. Vielleicht waren sie auch auf der Suche nach ge\u00f6ffneten Gesch\u00e4ften oder auf dem Weg raus aus der Stadt, weg aus der Gefahrenzone.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck im Heim konnte ich bei der Botschaft noch immer niemanden erreichen. Es blieb mir also nur, den von meiner Familie vorgezeichneten Plan in Angriff zu nehmen. Pl\u00f6tzlich stand ich furchtbar allein da. Ich w\u00fcrde losfahren, ungewiss, ob ich an irgendeinem Punkt einfach nicht mehr weiterkommen w\u00fcrde. Und auch ohne Handy. Da ich nur f\u00fcr ein paar Wochen geplant hatte, in Japan zu sein, hatte ich mir nicht extra ein Handy besorgt.<\/p>\n<p>Der Entschluss stand fest. Ich musste mit einem Taxi, da Busse und Bahnen nicht fuhren, bis nach Akita druchkommen. G\u00fccklicherweise war ein Taxiunternehmen bereit, den Versuch zu wagen. Sie merkten aber an, dass es wohl um die 60.000 Yen kosten w\u00fcrde. Da mein Vater mir ausdr\u00fccklich gesagt hatte, dass Geld nun wirklich keine Rolle spielte, habe ich das Angebot angenommen. Zu meiner gro\u00dfen Erleichterung bot die Heimleiterin zudem an, mir gen\u00fcgend Bargeld zu geben.<\/p>\n<p>So schnell ich konnte, packte ich meine wenigen Sachen zusammen und verabschiedete mich von den Kindern, MitarbeiterInnen und Schwestern. \u00dcberfordert von der Lage und mit einem schlechten Gewissen ihnen gegen\u00fcber konnte ich die Tr\u00e4nen nicht zur\u00fcckhalten. Ich f\u00fchlte mich als Verr\u00e4terin, konnte ihnen aber nicht helfen. Unterwegs nach Akita sah ich verlassene Z\u00fcge, die einfach auf Br\u00fccken mitten in der Landschaft standen. Lange Zeit fuhren wir \u00fcber Landstra\u00dfen oder Bundesstra\u00dfen. Erst sp\u00e4ter konnten wir auf die Autobahn wechseln. Nach etwa 2 1\/2 Stunden erreichten wir den kleinen Flughafen.<\/p>\n<p>Erst in dieser Situation habe ich eine Ahnung davon bekommen, wie sehr Menschen, die zur Flucht gezwungen sind, innerlich zerrissen sein m\u00fcssen. Sie k\u00f6nnen wegen der Gefahr nicht bleiben, wollen aber zugleich nicht gehen, weil es ihre Heimat, ihre Familie oder liebe Menschen sind, die sie zur\u00fccklassen m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Montag begann mit einer guten Nachricht, denn endlich war der Strom wieder da. Sofort suchte ich die Heimleiterin auf und bat darum, das Telefon benutzen zu d\u00fcrfen, um zu Hause in Deutschland bei meiner Familie anzurufen. 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