{"id":213,"date":"2021-04-22T22:39:55","date_gmt":"2021-04-22T20:39:55","guid":{"rendered":"https:\/\/karinahermes.de\/?p=213"},"modified":"2021-04-22T22:39:55","modified_gmt":"2021-04-22T20:39:55","slug":"die-kinder-des-japanischen-staates","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.karinahermes.de\/index.php\/2021\/04\/22\/die-kinder-des-japanischen-staates\/","title":{"rendered":"Die Kinder des japanischen Staates"},"content":{"rendered":"<p>Ein Gro\u00dfteil aller Minderj\u00e4hrigen, die in staatliche Obhut kommen, wird in klassischen Einrichtungen des Sozialsystems untergebracht (siehe dazu <a href=\"https:\/\/blog.karinahermes.de\/index.php\/2021\/04\/19\/einrichtungen-des-kinder-und-jugendschutzes-in-japan\/\">Einrichtungen des Kinder- und Jugendschutzes in Japan<\/a>). Nach M\u00f6glichkeit soll eine R\u00fcckf\u00fchrung in die eigentliche Familie durchgef\u00fchrt werden. Ist dies nicht machbar, verbringen Kinder und Jugendliche oft viele Jahre im Heim.<\/p>\n<p>Bereits vor einigen Jahren wurden in der japanischen Politik Stimmen h\u00f6rbar, die eine verst\u00e4rkte Nutzung von Pflegefamilien u. \u00e4. als Alternative fordern. Dieses Umdenken setzte mit der Reform des Sozialgesetzes von 2016 ein, in der Japan sich erstmals auf neue Vorgehensweisen festlegte und auch die Pr\u00e4fekturen und Verwaltungseinheiten darauf verpflichtete. Gegenw\u00e4rtig leben noch immer 80 % der betreuten Kinder und Jugendlichen in sozialen Einrichtungen. Ziel der Regierung ist es, bis zum Jahr 2024 etwa 75 % aller unter Dreij\u00e4hrigen in Pflegefamilien unterzubringen. Doch nur ein geringer Anteil der Pr\u00e4fekturen und Verwaltungseinheiten haben sich vergleichbar ehrgeizige Ziele gesetzt. Ist der Wandel von der Einrichtung in die Pflegefamilie \u00fcberhaupt machbar?<\/p>\n<p>Kazuhiro Kamikado, Professor der Waseda-Universit\u00e4t und Kinderpsychiater, setzt sich f\u00fcr diesen Wandel ein und w\u00fcnscht sich, dass Kinder in staatlicher Betreuung in einer m\u00f6glichst familien\u00e4hnlichen Umgebung aufwachsen k\u00f6nnen. Um dies zu f\u00f6rdern, hat er mit anderen ein &#8222;Forschungsinstitut f\u00fcr soziale F\u00fcrsorge&#8220; ins Leben gerufen. Dieses soll der Politik die n\u00f6tigen wissenschaftlichen Hintergrunddaten liefern und eine Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure erleichtern. Im Interview mit der Mainichi-Shimbun legt er dar, warum eine Pflegefamilie generell einer Heimunterbringung vorzuziehen ist. Auch der aktuelle Stand der Entwicklung wird angesprochen. Es folgt eine Zusammenfassung seiner Aussagen.<\/p>\n<p>Wenn ein Leben der Kinder und Jugendlichen bei der eigenen Familie nicht m\u00f6glich ist, sei es aufgrund von Gewalt, Misshandlung oder auch Krankheit oder Armut der Familie, ist als n\u00e4chste L\u00f6sung immer die Unterbringung in Pflegefamilien oder Adoption angezeigt. Erst wenn auch dies scheitert, sollten seiner Meinung nach Staat und lokale Gemeinden die Kinder in kleinen, familien\u00e4hnlichen Einrichtungen betreuen lassen.\u00a0 Kamikado untermauert diesen Ansatz mit Erkenntnissen aus Gro\u00dfbritannien. Dort wird das Motto \u201eweg vom Heim, hin zur Pflegefamilie\u201c seit den 70er Jahren energisch verfolgt. Diese Entwicklung wurde parallel durch universit\u00e4re Forschung und Studien \u00fcberwacht und betreut. So lassen sich Heimunterbringung und Aufwachsen in einer Pflegefamilie vergleichen. Diesen Beitrag der Forschung m\u00f6chte Kamikado mit seinem Institut und \u00e4hnlichen Stellen landesweit f\u00fcr Japan \u00fcbernehmen. Er sieht einen gro\u00dfen Bedarf an belastbaren empirischen Daten, die zur Umsetzung der Ziele essenziell sind.<\/p>\n<p>Im Interview macht er deutlich, dass eine R\u00fcckf\u00fchrung in die eigentliche Familie weiterhin Ziel bleiben soll. Doch selbst dann ist es besser f\u00fcr ein Kind, in einer Pflegefamilie untergebracht zu werden und nicht im Heim \u201egeparkt\u201c zu sein, bis sich die Umst\u00e4nde ge\u00e4ndert haben. Grund daf\u00fcr sind entwicklungspsychologische Aspekte. Ein Aufwachsen in famili\u00e4ren Kontexten ist nachweislich besser f\u00fcr die Entwicklung und das Wohlbefinden von Minderj\u00e4hrigen. Sie brauchen ein gefestigtes Familienumfeld und die M\u00f6glichkeit, zu immer gleichen Erwachsenen eine tiefe vertrauensvolle Beziehung aufbauen zu k\u00f6nnen. Dies gilt umso mehr, je kleiner das betroffene Kind ist. Kamikado nennt ein Beispiel aus der Geschichte: Nach Zusammenbruch der Diktatur in Rum\u00e4nien haben Forscher in den 70er und 80er Jahren Kinder untersucht, die lange Zeit im Heim gelebt hatten. Es zeigte sich, dass sich bei den Kindern, die nun in Pflegefamilien heranwuchsen, die kognitiven F\u00e4higkeiten deutlich verbesserten. Dieser Aufholeffekt war besonders gro\u00df bei Kindern unter 3 Jahren, weshalb es f\u00fcr diese Gruppe besonders wichtig ist, in einem famili\u00e4ren Umfeld zu leben.<\/p>\n<p>Es liegt in der Natur der Sache, dass Kinder in sozialen Einrichtungen jeden Tag mit einer Vielzahl von Erwachsenen zu tun haben. Der jeweilige Verantwortliche ist innerhalb kurzer Zeit immer ein anderer. Im Hintergrund gibt es einen bestimmten Zeitplan, der eingehalten werden muss. Da bleibt einfach kein Raum f\u00fcr Dinge, die in einer Familie Platz finden k\u00f6nnten. Zwar ist das Ausma\u00df dieser L\u00fccke sicher von Einrichtung zu Einrichtung verschieden, aber dieses Problem ist systemimmanent.<\/p>\n<p>Hier liegt f\u00fcr Kinderpsychiater Kamikado auch einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr psychologische Auff\u00e4lligkeiten einer gro\u00dfen Gruppe von Heimkindern. Diese Patienten haben nicht nur mit Erfahrungen von Gewalt und Vernachl\u00e4ssigung zu k\u00e4mpfen. Erschwerend kommen verschiedene Arten von Bindungsst\u00f6rungen hinzu, da sie als Babys und Kleinkinder keine \u201esichere Basis\u201c gehabt hatten. Derartige tiefgreifende und komplexe Probleme lassen sich nur unzureichend mit Medikamenten l\u00f6sen. Was eigentlich n\u00f6tig w\u00e4re, ist ein sehr hohes Ma\u00df an Sicherheitsgef\u00fchl und Stabilit\u00e4t. Aber dies zu erreichen, ist nicht ohne Weiteres zu bewerkstelligen, vor allem nicht im Heimkontext. Deshalb ist er ein Verfechter des \u201eweg vom Heim, hin zur Pflegefamilie\u201c-Prinzips.<\/p>\n<p>Doch wie sollen diese Ziele erreicht werden? Laut japanischer Regierung sollen bis 2024 mindestens 75 % der Kinder unter 3 Jahren, bis zum Jahr 2026 mindestens 75 % aller Vorschulkinder und bis zum Jahr 2029 alle \u00fcbrigen Schulkinder in Pflegefamilien untergebracht werden. Eine Schl\u00fcsselrolle in der Umsetzung spielen f\u00fcr Kamikado die sog. <em>Fostering-Agenturen<\/em>.<\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig l\u00e4uft es so, dass die S\u00e4uglingsheime, Kinderheime, NPOs usw. von der Erziehungsberatungsstelle (<em>jid\u014d s\u014ddanjo<\/em>) eine Unterbeauftragung erhalten und als <em>Fostering-Agentur<\/em> t\u00e4tig werden (siehe dazu \u00dcberblick in <a href=\"https:\/\/blog.karinahermes.de\/index.php\/2021\/04\/19\/einrichtungen-des-kinder-und-jugendschutzes-in-japan\/\">Einrichtungen des Kinder- und Jugendschutzes in Japan<\/a>). Von der Anwerbung m\u00f6glicher Pflegeeltern \u00fcber Schulung, Bewertung der Anfrage bis hin zu der Unterst\u00fctzung, die auch nach Beginn der eigentlichen Pflege geleistet wird, muss die jeweilige Einrichtung alles alleine stemmen. Dies ist ein gro\u00dfer Mehraufwand, der nicht nebenher betrieben werden kann.\u00a0 Kamikado schl\u00e4gt vor, bei den S\u00e4uglingsheimen anzusetzen und dort Ver\u00e4nderungen auf den Weg zu bringen. Ihre Funktion und ihre Befugnisse m\u00fcssen ausgeweitet werden. Einige von ihnen bieten bereits einen Pflegeberatungsdienst an, haben eine Beratungsstelle f\u00fcr Schwangere, unterst\u00fctzen Familien ganz allgemein in Erziehungsfragen und f\u00f6rdern Adoptionen von fremden Kindern. Hier \u00e4ndert sich also auch der Fokus der Einrichtung. Die Betreuung und \u201eOrganisation\u201c der S\u00e4uglinge r\u00fcckt in den Hintergrund und eine permanente L\u00f6sung mit dauerhafter Sicherheit f\u00fcr das jeweilige Kind ger\u00e4t in den Fokus. Durch eine \u00c4nderung auch in der Denkweise, wie man eine soziale Einrichtung betreibt, l\u00e4sst sich der Wandel weiterbringen. Dazu muss die n\u00f6tige Unterst\u00fctzung und Infrastruktur geschaffen bzw. ausgeweitet werden. Diese ersten Ans\u00e4tze h\u00e4lt Kamikado f\u00fcr vielversprechend.<\/p>\n<p>Auch die Finanzierung von sozialen Einrichtungen der Kinder- und Jugendf\u00fcrsorge muss \u00fcberdacht werden. Da die \u00f6ffentlichen Gelder nach der Anzahl der Kinder festgelegt werden, erschwert die Abgabe von Kindern an Pflegefamilien auch die Verwaltung der Einrichtung. Damit sie trotzdem weiter betrieben werden k\u00f6nnen, braucht es hier eine L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Bedenken zum Wandel von den Einrichtungen hin in die Pflegefamilien kommen vor allem von den \u00f6rtlichen Gemeinden und den Verantwortlichen der Einrichtungen. Sie prognostizieren einen Anstieg gescheiterter Vermittlungsversuche. Kamikado h\u00e4lt diese Bedenken f\u00fcr normal, bleibt aber mit Blick darauf, dass im Grunde alle Akteure das Beste f\u00fcr die Kinder und Jugendlichen wollen, zuversichtlich. Das angesprochene Problem ist durch eine intensivere Schulung und Nachbetreuung der Pflegeeltern zu l\u00f6sen. Wiederum ist Gro\u00dfbritannien Vorbild. Kamikado m\u00f6chte ein \u201eFostering Change Programm\u201c auf ganz Japan ausweiten, das sich an Pflegeeltern richtet, die gerade ein Kind aufgenommen haben. Dreimal in der Woche \u00fcber 12 aufeinanderfolgende Wochen finden thematisch getrennte Sitzungen statt. Dort k\u00f6nnen konkret Probleme angesprochen und \u201eunverst\u00e4ndliches\u201c Verhalten des Kindes analysiert werden.<\/p>\n<p>Dieses <em>Fostering-Change-System<\/em> gibt es seit 2016 in Japan. Einige Jahre sp\u00e4ter hatten bereits 53 Standorte dieses System \u00fcbernommen. Nicht nur die Mitarbeiter der <em>jid\u014d s\u014ddanjo<\/em> und die Pflegeeltern selbst, auch das Personal der Einrichtungen haben teilweise mit gro\u00dfem Interesse an den Programmen teilgenommen.<\/p>\n<p>Alles in allem ist Kamikado guten Mutes, dass ein Wandel zum Wohle der Minderj\u00e4hrigen m\u00f6glich ist. Daf\u00fcr ist es aber unabdingbar, dass Erkenntnisse, die unterwegs gewonnen werden, einflie\u00dfen und ernst genommen werden.<\/p>\n<p>Das Bem\u00fchen der japanischen Regierung, die Anteile der Unterbringung in Pflegefamilien oder kleinen Gruppen zu f\u00f6rdern, halte ich f\u00fcr sehr begr\u00fc\u00dfenswert. Umso besser, wenn durch universit\u00e4re Projekte die Umsetzung zudem betreut und evaluiert wird!<\/p>\n<p>Quelle: https:\/\/mainichi.jp\/premier\/health\/articles\/20210210\/med\/00m\/100\/014000c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gro\u00dfteil aller Minderj\u00e4hrigen, die in staatliche Obhut kommen, wird in klassischen Einrichtungen des Sozialsystems untergebracht (siehe dazu Einrichtungen des Kinder- und Jugendschutzes in Japan). Nach M\u00f6glichkeit soll eine R\u00fcckf\u00fchrung in die eigentliche Familie durchgef\u00fchrt werden. Ist dies nicht machbar, verbringen Kinder und Jugendliche oft viele Jahre im Heim. 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