{"id":346,"date":"2019-05-08T20:11:39","date_gmt":"2019-05-08T18:11:39","guid":{"rendered":"https:\/\/karinahermes.de\/?p=346"},"modified":"2019-05-08T20:11:39","modified_gmt":"2019-05-08T18:11:39","slug":"melde-mich-zurueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.karinahermes.de\/index.php\/2019\/05\/08\/melde-mich-zurueck\/","title":{"rendered":"Melde mich zur\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Monaten ist es ein wenig still geworden um Tokiobanana. Grund daf\u00fcr war meine intensive Vorbereitung auf ein Leben als selbstst\u00e4ndige \u00dcbersetzerin. Ab Mai gehe ich jetzt offiziell unter dem Namen <em>Hermes \u00dcbersetzungen<\/em> als \u00dcbersetzerin f\u00fcr Englisch, Japanisch und Franz\u00f6sisch an den Start.<\/p>\n<p>Nun sind alle Steine ins Rollen gebracht, wie man so sch\u00f6n sagt. Deshalb bietet sich endlich mal wieder Zeit und Gelegenheit, den Blick von Antr\u00e4gen und Formularen weg, hin zu Geschehnissen in Japan zu richten. Wie ja allgemein bekannt sein d\u00fcrfte, befinden wir uns inzwischen nicht mehr in der Heisei-Zeit, sondern sind in der Reiwa-Zeit angekommen. Die hei\u00dfen Diskussionen um die Bedeutung des Namens sowie die allgemeine Notwendigkeit des Kaisers und der Monarchie \u00fcberhaupt \u00fcberspringe ich mal an dieser Stelle. Interessant fand ich hingegen eine Reihe von Berichten aus der Asahi Shimbun, die sich retrospektiv mit Ph\u00e4nomen der vergangenen \u00c4ra auseinandersetzt.<\/p>\n<p>Darunter ein Artikel \u00fcber die sogenannte <em>blum\u0101.<\/em><\/p>\n<p>Als Kind der 90er sind diverse japanische Serien \u00fcber den heimischen Bildschirm geflackert. Darunter nat\u00fcrlich auch Mila Superstar, im englischen Sprachraum als <em>Attack No. 1<\/em> bekannt. Ich mochte die Serie sehr gern, die M\u00e4dchen waren stark und gaben nie auf. Einige meiner Freundinnen sind durch sie zu begeisterten Volleyballerinen geworden und die deutsche Titelmelodie kann ich noch immer auswendig.<\/p>\n<p>Aus heutiger Sicht ist die Serie oft \u00fcbertrieben brutal \u2013 denken wir an die Ketten beim Training oder das nicht endende Spiel, obwohl der Freund gerade t\u00f6dlich verungl\u00fcckt ist. Auff\u00e4llig war aber auch, dass Mila und Co. ca. 95 % der Zeit in Unterhosen Sport trieben \u2013 jedenfalls sah es danach aus.<\/p>\n<p>Durch die Asahi wurde ich belehrt, dass dieses Sportkleidungsst\u00fcck historisch und nicht nur fantastisch ist. Die Zeitung ging der Geschichte und vor allem dem Untergang der sogenannten <em>blum\u0101<\/em> auf den Grund.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich diente die <em>blum\u0101<\/em> dazu, es Frauen und M\u00e4dchen zu erm\u00f6glichen, die sonst in Kimono oder Hakama gekleidet waren, vern\u00fcnftig Sport zu treiben. Eigentlich also ein guter Ansatz. Anl\u00e4sslich der Olympischen Spiele von 1964 in Tokyo hielt es der Sportbund der Mittelschulen ganz Japans es f\u00fcr eine gute Idee, durch Verwendung der <em>blum\u0101<\/em> zudem \u201eder Sch\u00f6nheit des weiblichen K\u00f6rpers\u201c mehr Anerkennung zu geben. Hersteller f\u00fcr Schulkleidung stiegen gro\u00df in das Gesch\u00e4ft mit der weiblichen Sportausstattung ein. Anzumerken ist, dass es nie eine offizielle Richtlinie des zust\u00e4ndigen Ministeriums zur Einf\u00fchrung an den Schulen gegeben hat.<\/p>\n<p>Widerstand gegen die sp\u00e4rliche Bekleidung beim Schulsport kam erst 1993 auf. Dies auch nicht in Japan, sondern an einer japanischen Schule in Singapur, wo sich Sch\u00fclerinnen weigerten, die <em>blum\u0101<\/em> zu tragen, da sie sich dadurch entbl\u00f6\u00dft f\u00fchlten. Der Protest wurde in Japan bekannt und f\u00fchrte dazu, dass M\u00e4dchen und auch M\u00fctter vermehrt ihr Unbehagen in Verbindung mit diesem Kleidungsst\u00fcck \u00e4u\u00dferten. Ihre Abneigung und das Gef\u00fchl der sexuellen Diskriminierung war nicht unbegr\u00fcndet; zum einen kam es immer wieder vor, dass die Mini-Sporthose in belebten Einkaufsstra\u00dfen oder bei anderen Gelegenheiten geklaut wurde. Zum anderen wurden gebrauchte <em>blum\u0101<\/em> in einschl\u00e4gigen Gesch\u00e4ften an zahlende Kundschaft verkauft.<\/p>\n<p>Das Bewusstsein f\u00fcr die Problematik und der Widerstand nahmen langsam zu. Als Sch\u00fclerinnen des 3. Jahres Mittelschule (also ca. 15 Jahre alt) einer Schule in Tochigi im Rahmen eines Schulausflugs zum Gericht einen Richter darauf ansprachen, ob das ganze denn nicht aus menschenrechtlichen Gr\u00fcnden problematisch sei, stimmte dieser ihnen zu. Dennoch schaffte die Schule in Tochigi die <em>blum\u0101<\/em> erst nach dem Abschluss der Sch\u00fclerinnen ab. Heute werden dort im Sportunterricht &#8211; wie fast \u00fcberall in Japan &#8211; kurze Hosen getragen, die in etwa bis zum Knie reichen.<\/p>\n<p>Der wachsende gesellschaftliche Widerstand gegen den Zwang zur <em>blum\u0101<\/em> an Schulen hat schlie\u00dflich dazu gef\u00fchrt, dass das Kleidungsst\u00fcck seit 2013 nicht mehr zu bekommen ist.<\/p>\n<p>Aus heutiger Sicht greift ein so freiz\u00fcgiges und vor allem aufgezwungenes Kleidungsst\u00fcck in die Rechte der Kinder ein. Laut UN-Kinderrechtskonvention sind in dem Fall Paragraph 16 (Recht auf Privatsph\u00e4re) und Paragraph 34 (Schutz vor sexueller Ausbeutung und Misshandlung) betroffen. Japanische Mitglieder der Vereinigung \u201eRechte der Kinder\u201c bewerten auch den Zwang zum Tragen von R\u00f6cken kritisch, da hier ebenfalls in die Selbstbestimmung und die Darstellung der Sexualit\u00e4t des Kindes bzw. der Minderj\u00e4hrigen eingegriffen wird.<\/p>\n<p>In einigen Regionen Japans, unter anderem in Fukuoka und Bereichen der Pr\u00e4fektur Tokyo, gibt es aktuell Bestrebungen, das Tragen von Hosen f\u00fcr alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler zu erm\u00f6glichen. Gut so.<\/p>\n<p>Quelle:<\/p>\n<p>https:\/\/digital.asahi.com\/articles\/ASM4Q6SG2M4QUTIL076.html?_requesturl=articles%2FASM4Q6SG2M4QUTIL076.html&#038;rm=652<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Monaten ist es ein wenig still geworden um Tokiobanana. Grund daf\u00fcr war meine intensive Vorbereitung auf ein Leben als selbstst\u00e4ndige \u00dcbersetzerin. 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