{"id":433,"date":"2021-08-28T17:41:59","date_gmt":"2021-08-28T15:41:59","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.karinahermes.de\/?p=433"},"modified":"2021-08-28T17:41:59","modified_gmt":"2021-08-28T15:41:59","slug":"familienregister-koseki","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.karinahermes.de\/index.php\/2021\/08\/28\/familienregister-koseki\/","title":{"rendered":"Familienregister (koseki)"},"content":{"rendered":"\n<p>Fast w\u00f6chentlich habe ich als \u00dcbersetzerin mit dem japanischen Familienregister (<em>koseki<\/em>) zu tun. Oft muss dieses f\u00fcr amtliche Zwecke und Antr\u00e4ge \u00fcbersetzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim <em>koseki<\/em> handelt es sich um ein Dokument von ungeheurer Bedeutung f\u00fcr jeden japanischen B\u00fcrger. Alle wichtigen Ereignisse eines Lebens wie Geburt, Ehe, Scheidung und Tod sind in diesem einen Dokument versammelt. Dabei ist nicht das Individuum die grundlegende Einheit des <em>koseki<\/em>, sondern eine Familie, ein <em>ie<\/em>. Dieses <em>ie <\/em>ist ein altert\u00fcmliches Einteilungssystem \u00fcber das noch heute die B\u00fcrgerInnen Japans erfasst werden. Jedes <em>ie<\/em> hat einen Haushaltsvorstand, ein Oberhaupt, das als erste Person auf dem <em>koseki <\/em>erscheint. Zudem ist der familienrechtliche Hauptwohnsitz auf dem <em>koseki<\/em> vermerkt. Das muss gar nicht der eigentlich aktuelle Wohnort der Familie oder der Familienmitglieder sein. Dabei handelt es sich eher um sowas wie den Sitz des Stammhauses oder das Elternhaus vergangener Generationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da das <em>koseki<\/em> von der Einheit des <em>ie<\/em> ausgeht, sind in den allermeisten F\u00e4llen nicht nur einzelne Personen erfasst, sondern die gesamte Familie samt aller Geschwisterkinder. Die Lebensgeschichte der Familie mit allen H\u00f6hen und Tiefen ist somit unter Umst\u00e4nden relativ einfach nachvollziehbar. Alle im <em>koseki<\/em> eingetragenen Personen haben den gleichen Nachnamen. Durch eine Heirat verlassen Kinder das <em>koseki<\/em> ihrer Eltern und k\u00f6nnen in das <em>koseki<\/em> des Ehepartners eingetragen werden oder ihr eigenes <em>koseki<\/em> als neues Familienoberhaupt er\u00f6ffnen. Nicht japanische Staatsb\u00fcrger k\u00f6nnen nicht Vorstand eines <em>koseki<\/em> werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch nicht nur dies, auch weitere Umst\u00e4nde sind kritisch zu betrachten. Wie schon erw\u00e4hnt, enth\u00e4lt ein <em>koseki<\/em> eine ungeheure Menge an vertraulichen Daten. Neben denen einer einzelnen Person finden sich diverse Daten enger Familienangeh\u00f6riger. So l\u00e4sst sich zum Beispiel auch leicht erkennen, ob eine Frau aus der Familie unverheiratet ein Kind geboren hat oder geschieden ist. Solche Informationen f\u00fchren de facto noch immer zu gesellschaftlicher Diskriminierung und sollten deshalb ganz besonders gesch\u00fctzt werden. Des Weiteren sieht das System immer nur einen Familiennamen vor. Partner m\u00fcssen bei der Eheschlie\u00dfung einen Nachnamen ausw\u00e4hlen; es ist nicht m\u00f6glich, dass beide ihren Namen behalten. Ein weiterer wichtiger Punkt bei der Diskussion um <em>koseki<\/em> ist die Tatsache, dass JapanerInnen immer nur in einem <em>koseki<\/em> eingetragen sein k\u00f6nnen. Dies f\u00fchrt bei einer Scheidung regelm\u00e4\u00dfig zu dem Problem, dass gemeinsame Kinder aus dem <em>koseki <\/em>und dem Leben des einen Elternteils verschwinden und der Kontakt abbricht. Denn das japanische Gesetz verf\u00e4hrt im Falle einer Scheidung noch immer nach der Ma\u00dfgabe des sauberen Schnitts (clean cut). Es ist kein gemeinsames Sorgerecht der Eltern auch nach der Scheidung vorgesehen. Das Sorgerecht geht nur an einen Elternteil, in dessen <em>koseki <\/em>die Kinder folglich weitergef\u00fchrt werden. Diese Situation wurde vielfach \u2013 auch international \u2013 kritisiert, denn nach vorherrschender Meinung sollte zum Wohle des Kindes eine Beziehung und ein Zugang zu beiden Elternteilen erm\u00f6glicht werden. Auch w\u00fcnschen sich viele japanische Paare nach der Scheidung ein gemeinsames Sorgerecht im Interesse der Kinder, doch die Rechtslage gibt hier nur wenig Spielraum und durch das <em>koseki <\/em>entstehen unn\u00f6tig gro\u00dfe b\u00fcrokratische H\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesen Gr\u00fcnden w\u00e4chst die Kritik am Erfassungssystem des <em>koseki<\/em>. Es handelt sich um ein enges und viel zu altes Korsett, das die modernen Lebensweisen und Familienentw\u00fcrfe nicht mehr abbildet. Zu versuchen, die Menschen diesem System unterzuordnen, f\u00fchrt oft zu Problemen und schmerzhaften Entscheidungen. In Goodmann <em>(2000, Children Of The Japanese State; 148 ff.)<\/em> wird z. B. angemerkt, dass viele Frauen eine Eintragung eines unehelichen Kindes in das <em>koseki<\/em> der Familie aus Angst vor Diskriminierung verhindern m\u00f6chten und dies ein Grund f\u00fcr verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hohe Abreibungsraten in Japan sein k\u00f6nnte. Eine weiterf\u00fchrende kritische Auseinandersetzung mit dem <em>koseki<\/em>, den damit einhergehenden Problemen sowie dem ideologischen Hintergrund findet sich in einem Aufsatz von Takeshi Hamano unter folgendem Link <a href=\"http:\/\/iafor.org\/archives\/journals\/iafor-journal-of-asian-studies\/10.22492.ijas.3.1.03.pdf\">http:\/\/iafor.org\/archives\/journals\/iafor-journal-of-asian-studies\/10.22492.ijas.3.1.03.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fast w\u00f6chentlich habe ich als \u00dcbersetzerin mit dem japanischen Familienregister (koseki) zu tun. 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